CHEar - Applying the Circumplex Model to History. The Psychology of Early 19th-Century Music Reception
Leitung: Frank Hentschel
Das Projekt geht in Kooperation von historischer Musikwissenschaft und Musikpsychologie der Frage nach, welche Art von Musik beim historischen (deutschsprachigen) Publikum bestimmte Emotionen auslöste. Der Zeitraum der Untersuchung ist 1789 bis 1825; die untersuchten Emotionen sind der Schrecken, die Fröhlichkeit, das Zarte und die Schwermut. Bei der Auswahl dieser Begriffe wurde das Circumplex Model von James A. Russell zugrunde gelegt: Jede der vier Emotionen repräsentiert einen anderen der vier Quadranten dieses Modells (high arousal, positive valence: die Fröhlichkeit; high arousal, negative valence: der Schrecken; low arousal, positive valence: das Zarte; low arousal, negative valence: die Schwermut. Während klassische Musikpsychologie die Wahrnehmung von Musik anhand von Experimenten unter Einbeziehung von Testpersonen untersucht, muss eine historische Musikpsychologie mit überlieferten Textquellen arbeiten. Da um 1800 eine Art von Musikschrifttum entstand, das sehr viele Informationen über die subjektive Wahrnehmung enthält (in Konzert- und Opernberichten, in Rezensionen von gedruckten Musikalien sowie in diversen Aufsätzen und Kurztexten), bietet die qualitative Datenanalyse solcher Quellen eine geeignete geschichtswissenschaftliche Alternative zu Hörer*innen-Experimenten. Die Quellen lassen sich in Datenbanken wie ANNO Historische Zeitschriften und Zeitungen (https://anno.onb.ac.at/) und RIPM Preservation Serie (https://ripm.org/publications/about-ripms-publications#ripm_preservation-series) suchen. So besteht die Möglichkeit, sich dem Hörerlebnis von Subjekten des frühen 19. Jahrhunderts anzunähern.
Das Projekt möchte erstens die semantischen Felder der Dokumente analysieren, die die genannten Emotionen ansprechen. Textzeugen, die sich mit Hilfe der genannten Datenbanken in dem erwähnten Zeitraum auffinden lassen, werden mit Hilfe von MAXQDA (https://www.maxqda.com/de/) kodiert und analysiert. Mit einer semantischen Netzwerkanalyse, für die ergänzend Gephi (https://gephi.org/) herangezogen wird, können die zentralen Bestandteile der semantischen Felder der vier Emotionsbegriffe herausgearbeitet und geclustert werden und anschließend miteinander verglichen werden. Da sich viele der Quellen auf konkrete Musikausschnitte beziehen, sollen zweitens die vier Emotionen in Relation zu kompositorischen Merkmalen gesetzt werden. Die zentrale Frage lautet also: Lassen sich kompositorische Merkmale benennen, die mit Musik einhergehen, die als „schrecklich“ beschrieben wird, als „zart“ usw.? Dazu werden jeweils mindestens 50 hinreichend konkrete Musikstellen bestimmt werden, die mit einer computergestützten Analyse auf mögliche gemeinsame Charakteristika hin untersucht werden.
Mitwirkende:
Prof. Dr. Anja-Xiaoxing Cui, Wien
Dr. Isabella Czedik-Eysenberg, Wien
PD Dr. Andreas Domann, Köln
Xuhong Qiu, Köln
David Ubber, Köln
Christopher Werner, Köln